Ahnengeister

Kinder des Buches

Wir sind die Gefangenen des Buches. Sie sind seine Kinder.

Die Faszination für das geschriebene Wort begegnete mir zum ersten Mal in Throal. Die Zwerge halten dort alles fest, was sie nicht vergessen wollen. Doch dadurch vergessen sie umso leichter all das, was sich nicht aufschreiben lässt. Doch heute mussten wir lernen, dass nicht nur einst lebendige Gedanken in Büchern gefangen gehalten werden.

Ein ganzes Tal zwischen zwei Buchdeckeln. Kalt wie die Schrift ist auch das Tal. Aber die Namensgeber darin sind voller Wärme. Das wurde schon am Abend im Dorfhaus klar, als man uns freundlich willkommen hieß. Und wir sahen das warme Blut draußen im Schnee.

Der dunkle Mond ist für sie das Zeichen einer tieferen Dunkelheit. Vor dieser müssen sie sich verstecken wie wir vor den Schatten. Ich weiß nicht, welches Leben sie außerhalb dieser dunklen Tage leben. Weinberge, Obsthaine und weite Felder deuten auf ein gutes Leben hin. Sie haben sich an die Dunkelheit und das Böse, das ihm folgt, gewöhnt. Und dennoch erhoffen sie sich Befreiung von ihr. Sie erzählen Geschichten von einem Ritter, der einst kam, um die Dunkelheit zu bekämpfen. Er war erfolglos und ist nur noch eine Erinnerung.

Wir fanden den Besitzer des Wohnturms, den Jaspree Questor Svelo. Es war sein Buch, das uns hierher gebracht hat. Er war auf der Flucht vor Eindringlingen und wir folgten ihm aus Unwissenheit und Neugier. Unwissenheit und Neugier waren es auch, die das Übel über unseren Stamm brachten. Und wir waren ihr Werkzeug.

In alten Ruinen, in denen die einstigen Bewohnern ihren Göttern und Geistern huldigten, fanden wir einige Gegenstände dieser Huldigung: Kerzenleuchter, Ketten und Kelche. Sie stellten eine Verbindung zur Vergangenheit dar, die ich mit dem Staub des Vergessenen stärkte. Wir alle hatten Visionen, die uns die Geschichte des Ortes näher brachten. Doch es waren nur Versatzstücke dieser Geschichte, Szenen eines Lebens, das uns völlig unvertraut blieb.

In einer feierlichen Zeremonie wurden neun Kämpfer ausgezeichnet. Sie wurden mit Ketten behängt und von den anderen gesegnet. Es sah so aus, als würden sie zu einer großen Schlacht ausziehen. Acama sah anderes: eine Verführung auf dem Altarstein. Einen Mord. Ein Opfer. Rakas Erzählung konnte ich nicht folgen, zu wirr waren noch meine eigenen Gedanken.

Es bleibt uns nicht mehr viel Zeit. Heute brechen wir zu den alten Türmen auf, die das Land überragen und hoffen, dort mehr über den Ursprung des Übels zu finden. Svelo und Haselchen bringen wir ins Dorf zurück. Ob uns die Dörfler noch einmal in ihre Nähe lassen, ist fraglich.

Wir müssen zurück in unsere Welt. Und doch ist dies wohl Teil unseres Schicksals. Wir fühlen vielleicht gerade so, wie unsere Brüder und Schwestern, die ebenfalls in einer anderen Welt gefangen sind. Halb Traum, halb Wirklichkeit. Vielleicht hat meine Lehrmeisterin recht und unser Dasein ist nichts anderes als ein Traum. Wenn wir erwachen sterben wir.

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JoeTheDrow

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